Sale Resistance

Ich bin ein Mann. Männer sind ein­fach gestrickt. Wir Männer brau­chen nicht viel, um glück­lich zu sein. Beim Grillen brau­chen wir kei­ne üppi­gen Salate oder Soßen. Das Steak direkt im Brötchen. Reicht. Machen wir Urlaub, brau­chen wir nur wenig Garderobe. Ein Schlafsack und die Isomatte rei­chen dicke. Zur Not tut es auch der Beifahrersitz des Autos als Schlafstätte.

Diese archai­sche Einfachheit bedeu­tet aber nicht zwangs­läu­fig, dass ein Mann müf­feln soll­te wie ein Bär im Regen. Körperpflege muss sein. Zahnbürste? Absolutes Muss. Deo? Keine Frage. Und natür­lich auch was für den Duft. Eau de Toilette? Mindestens.

Trotzdem bin ich dabei ganz Mann. Wenn ich einen Duft gefun­den habe, der mir gefällt und zu mir passt, gemein­hin beur­teilt dies die Dame des Hauses, dann blei­be ich lan­ge dabei. Da gibt es kein Wenn und Aber. Einfach halt. Und wenn der Flakon leer ist, muss schnell Nachschub her.

Also ging ich neu­lich eben aus Mangel an mei­nem zu mir pas­sen­den Lieblingsduft in die Parfümabteilung des Einzelhändlers mei­nes Vertrauens. Schnurstracks in die Regalreihe, in wel­cher das Eau de Toilette steht. Griff spon­tan und ohne Zögern zu und nahm die eben­falls schlicht gestal­te­te Verpackung. Alles lief nach einem vor­ge­fer­tig­ten Jagdplan ab.

Gerade woll­te ich mich naht­los wie­der zum Gehen wen­den, da dif­fun­dier­te eine Verkäuferin aus einer dunk­len Stelle des Regals ins Freie. Stoppte mich jäh und lächel­te breit. Eine Wolke aus unter­schied­lichs­ten Duftstoffen umwaber­te sie. Meine Nase wur­de umge­hend trak­tiert mit sämt­li­chen Ingredienzien, die je ein Parfümfläschen betre­ten haben. Pelargonien, Jasmin, Rose. Bergamotte, Pfirsich, Kokos. Kardamom, Nelke, Vanille. Schokolade, Honig, Mandel. Meine Nase explo­dier­te fast.

Den Augenblick mei­ner Paralyse nutz­te die Dame scham­los. „Sie mögen die­sen Duft?”. Ich nick­te, noch nicht in der Lage mei­ne Stimmbänder zu öff­nen. Sie knif­fen zusam­men, um mög­lichst wenig der Gase ein­zu­at­men, die mich einlullten.

Dann darf ich Sie sicher auf unser aktu­el­les Angebot auf­merk­sam machen.Wir bie­ten Ihnen die­ses Produkt mit zwei wei­te­ren als Paket an.” Ich schüt­tel­te den Kopf und ein erstick­tes „Nein, dan­ke” ent­wich mei­ner Kehle.

Doch dies schien sie nicht gehört zu haben. Zu dicht war wohl der Smog um sie und ver­lang­sam­te die Ausbreitung der Schallwellen. Und sie ver­hin­der­te jede Gegenwehr. Wie hyp­no­ti­siert folg­te ich ihr prompt, als sie sich umdreh­te und zu einem geschickt aus­ba­lan­cier­ten Turm aus Angebotsprodukten zwi­schen den Regalen tän­zel­te. Noch im Tänzeln fisch­te sie eine Großpackung aus dem baby­lo­ni­schen Ungetüm, ohne dass die­ser merk­lich schwank­te, hielt mir das Bündel dar­auf­hin reprä­sen­ta­tiv in ihren Händen unter die Nase.

Hiermit erhal­ten Sie zum Eau de Toilette ein Duschgel und eine Körperlotion des glei­chen Dufts.”

Fast hät­te sie mei­ne Aufmerksamkeit erregt und mei­nen simp­len Plan durch­bro­chen. Ein klei­ner Nervenfunke hät­te fast mei­ne Hand akti­viert und das Päckchen genom­men. Doch ich bin ein Mann. Das Stammhirn domi­niert wäh­rend der Jagd. Einfache Funktionen über­wie­gen den Verstand. Unbewusste Reize setz­ten Botenstoffe frei, die mei­nen Verteidigungstrieb weck­ten. Adrenaline lös­ten die Stimmbandspannung. Diesmal kom­men­tier­te ich ihre Offerte mit einem weit­aus männ­li­che­ren, aber immer noch freund­li­chen „Nein, danke.”

Auch sie lächel­te noch freund­lich und hielt mir unbe­irrt das Angebot ent­ge­gen. „Sie bekom­men alles für den glei­chen Preis des Eau de Toilettes.”

Sehr ver­lo­ckend. Doch blieb ich eisern. „Nein, dan­ke. Das brau­che ich nicht.”

Diese uner­war­te­te Antwort brach­te sie kaum wahr­nehm­bar ins Rudern. Dass jemand ein für sie so spek­ta­ku­lä­res Angebot ablehn­te, pass­te nicht in ihr aner­zo­ge­nes Kundenmuster.

Drei Produkte für den Preis von einem. Das bekom­men Sie nur noch die­se Woche.” Ihr Lächeln wur­de noch ein­mal breiter.

Nein, ich brau­che nur das Eau de Toilette”, beharr­te ich.

So plötz­lich, wie sie aus dem Regal auf­ge­taucht war, ver­sieg­te nun auch ihr ver­krampf­tes Lächeln. Die Wolke aus Duftgemischen fiel in sich zusam­men. Fast fri­sche Luft ström­te in das kurz auf­ge­tre­te­ne Vakuum.

Sie kön­nen die ande­ren Sachen auch ver­schen­ken”, knurr­te sie.

Nein, das will ich nicht.”

Sämtliche erlern­te Freundlichkeit wich aus ihrem Gesicht. Ihre Körperhaltung wech­sel­te in offe­ne Feindschaft und Unverständnis, wie man so ein Angebot ableh­nen kön­ne. Sie ließ die Hände mit dem Angebotspäckchen sin­ken und bug­sier­te es wie­der auf den Berg der ande­ren. Diesmal wackel­te er. Noch nicht bedenk­lich, aber auffallend.

Bevor sie sich umdreh­te und mir mög­li­cher­wei­se das Gesicht mit ihren French gestyl­ten Kunstnägeln zer­krat­zen konn­te, flüch­te­te ich schnel­len Schrittes zur Kasse. Ich dreh­te mich noch ein­mal um und sah, wie sie mit Unmut hadernd mit dem Halbdunkel zwi­schen den Regalen emul­gier­te. Ich bedau­re das nächs­te Opfer, das auf sie tref­fen wird.

Aber ich hat­te wider­stan­den. Ich bin pro­zen­te- und sale-resis­tent. Ich kau­fe nur, was ich brau­che. Ich bin ein­fach gestrickt. Ich bin ein Mann.

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