Sinn City

Ich schaue auf die Stadt.
Von oben. Jeden Morgen. 

In mein her­me­tisch abge­schlos­se­nes Glashaus drin­gen von drau­ßen kei­ne Geräusche, kei­ne Gerüche. Alles wirkt unna­tür­lich fried­lich. Normalerweise bedrängt eine ste­te Lautkulisse die Ohren und jede erdenk­li­che Sorte von Düften bis Gestank die Nase. Eine olfak­to­ri­sche Kakophonie der Großstadt.
Vereinzelt nimmt man Menschen und Fahrzeuge als ein­zi­ge sich bewe­gen­de Punkte wahr. Tauchen aus dem einen toten Winkel auf, um sogleich auch wie­der hin­ter einem ande­ren toten Winkel zu verschwinden.
Kein Start. Kein Ziel.
Mein Blick wan­dert über die Dächer. Hier und da inter­es­siert an Dingen, die man von unten und von der Straße aus nie­mals zu Gesicht bekommt. Dekorierte Dachterassen, befremd­li­che Haustechnik, dif­fu­se Innenhöfe, urba­ne Formen. Und das ver­wor­re­ne Geflecht der Straßen und Wege.
Die Stadt ist stän­dig im Fluss. Selbst am Morgen, wenn vie­les erst in Bewegung gerät. Es ist wie Ebbe und Flut. Ein Kommen und Gehen.
Jeden Tag. Tag und Nacht.
Wo ich ste­he und auf alles hin­un­ter schaue, ist Stillstand. Ruhe. Tückische Ruhe. Das ein­zi­ge, das ich höre, ist das Rauschen der Klimaanlage, das Brummen ein­zel­ner Computer. Bis auch die­se Stille vom Gemurmel, Gequäke und Geschwätz, der lang­sam, aber sicher ein­tru­deln­den Kollegen mal­trä­tiert wird.
Es ist ein Arbeitstag wie jeder andere.
Wie vie­le. Wie alle.
Am liebs­ten wür­de ich den gan­zen Tag am Bürofenster ste­hen und auf die­se Stadt schau­en. Eine Stadt, die ich von unten has­se, aber von oben lie­be. Aber es ist nicht die Stadt, es ist der Blick. Der Blick in die Ruhe. Der Blick in etwas, das fried­lich wirkt. Es ist der Abstand, den man von hier aus hat. Das Gefühl gera­de ein­mal nicht mit­ten­drin zu sein.
Im Fluss. Im Strom.
Abgeschottet. Vom Rest der Welt.
Für eine kur­ze Zeit Geräuschlosigkeit und Geruchsarmut. Bis die ande­ren Menschen die­se Sinnesquellen her­ein­brin­gen. Sie hier ver­brei­ten. Sie in Ohren und Nase stop­fen, bis einem schwin­de­lig und übel wird. Sie pro­ji­zie­ren das Netz der Straßen auf das Raster der Arbeitsboxen. Es sind ande­re Geräusche. Andere Gerüche. Doch der Fluss fließt dann auch hier. Dann ist die Stadt hier drin­nen. Und ich in ihr.
Doch hier gibt es kei­nen erhöh­ten Standpunkt, von dem man die Stille sehen kann. Dann bleibt nur die Flucht. Nach drau­ßen. Dann wird die Stadt ein Freund. Für kur­ze Zeit. Solange, bis man auch ihr wie­der ent­flie­hen kann.

Und am nächs­ten Tag beginnt das Spiel von neuem.
Ich bin im Fluss. Im Strom.
Ohne Start. Ohne Ziel.

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