5. Türchen: Wortspiel-Himmel und ‑Hölle

Wenn mich jemand fragt, was ich an Twitter toll fin­de, rin­ge ich nicht sel­ten um eine Antwort. Nicht, weil ich kei­ne Antwort hät­te. Eher, weil ich vie­le Antworten hät­te. Es macht Spaß, es macht nach­denk­lich, es macht trau­rig, es macht wütend, es macht gleich­gül­tig, es macht fröh­lich, es macht süchtig.
Nicht immer tol­le Sachen, aber im Grunde wie das ech­te Leben. Oder?

Dieser meist recht unbe­darf­te Umgang mit den 140 Zeichen, der einem von stumpf bis schwach alle Sinne anregt ist irgend­wie befrei­end für die real-life-geplag­te Synapsenplantage im Zentralgehirn.
Und es fes­selt. Nicht wie man beim Sex ans Bett gefes­selt wird oder von einem guten Buch. Vielmehr vom Zwang beim nächs­ten Tweet unbe­dingt erfolg­reich durch Stars, Replies und Retweets Bestätigung zu fin­den. Es ist nicht ein­fach sich davon los­zu­ma­chen. Es mutiert schnell zur Full-Time-Prokrastination sei­ner selbst Willen.

Ein gol­de­nes Mittelmaß zu fin­den ist nicht son­der­lich sim­pel. Da muss man auch mal eine Kröte schlu­cken, Abstriche machen, den Gürtel enger schnal­len. Anders gesagt: auf rake­ten­haf­te Followeranstiege ver­zich­ten und Leaderboard-Ambitionen begraben.

Phrasen über Phrasen. Ja, Twitter ist ein Phrasendrescher. Aber ich will es nicht mis­sen. Nirgendwo sonst, kann ich ohne Skrupel, ohne doo­fe Blicke Umstehender und ohne fal­sche Scham rich­tig schö­nen Blödsinn machen. Sarkastisch sein. Nachdenklich sein. Aufgeregt sein. Fröhlich sein. Wütend sein. (außer in den Reihen der eige­nen klei­nen Familie natürlich.)
Und ich weiß, dass ganz vie­le es auch ger­ne sind und mit­ma­chen und mir das Gefühl geben nicht der Einzige damit zu sein. Und es gibt unglaub­lich vie­le Gemeinsamkeiten. Man umgibt sich mit Menschen, die gleich oder ähn­lich den­ken, füh­len, agieren.
Vertraute Fremde.
Man kommt sich dann oft — trotz lie­ber Verwandte und Freunde (aber auch ohne) — nicht allei­ne in die­sem Paralleluniversum vor.
Meine Offline-Phrasen-Dreschmaschine lie­fer­te hier­für heu­te ein recht pas­sen­des Wort:

Ja, es ist eine tie­fe Wesensgemeinschaft, die ich nicht mis­sen möch­te. Selbst wenn sie hin und wie­der anstren­gend und ner­ven­auf­rei­bend ist. Aber wie gesagt: das ist das „ech­te Leben” auch.

Oder ist Twitter nicht sogar noch ech­ter als das „Real-Life”?

Kommentare

  • Achso: und was das gan­ze mit Advent und Weihnachten zu tun hat?
    Im Grunde nur soviel: Ich fand den Phrasendrescher heu­te abend in mei­nem Schuh. Der Nikolausi muss ihn wohl in der Eile ver­lo­ren haben.

  • Bisher hat­te ich das Glück, nur sel­ten auf kom­plet­tes Unverständnis zu tref­fen, wenn mich jemand nach Twitter gefragt hat und was Twitter für mich aus­macht. Lediglich mei­ne Mutter war besorgt, weil ich da doch bestimmt „nur Privates” schrei­be und das Internet ja im Grunde nur unse­re zar­te und lieb­rei­zen­de Seele ver­gif­tet. Nachdem ich ihr ver­si­chert hat­te, dass es mir nicht dar­um geht, mög­lichst viel von mir selbst preis­zu­ge­ben, war sie beru­higt. Sonst wäre ich bei Facebook. Die Seele ver­ge­wal­ti­gen. Wie alle halt.

    So einen Phrasendrescher brau­che ich auch. Aber einen, den man selbst bestü­cken kann. Mit Privatem. 😉