Sinnkrise

Womöglich gehe ich den Menschen in meiner Umgebung damit schon lange auf den Keks, aber es muss raus. Am liebsten würde ich es rausschreien, aber die, die es hören sollten interessiert es sicher nicht.
Aber ich muss es tun. Wenigstens schon mal hier.

Ich kann diesen verdammten Job nicht mehr machen. Die Branche ist verlogen. Es gibt die alten Ideale und Werte nicht mehr. Es ist nur noch eine Zahl in den Bilanzen großer Unternehmen und Konzerne.
Was ich tue?
Ich bin IT-Berater. Softwareentwickler. Seit nunmehr rund 15 Jahren.
Ich bin schon lange ein IT-Nerd. Schon mit 14 hatte ich meinen ersten Home-Computer und schon bald brachte ich mir das Programmieren bei. Ich war auch schon von Anfang an in den „großen“ Netzen. Zuerst in Mailboxen, dann im FIDO-Netz und wenig später bereits im noch in den Wehen liegenden deutschen Internet. Für einem technikbegeisterten Jugendlichen gab es soviel zu sehen, zu erleben, zu gestalten. Ja, man konnte tolle Dinge machen und zeigen. Die logische Konsequenz daraus, waren ein Informatikstudium und der Eintritt in die professionelle IT-Welt. Jedoch ohne zu merken, wie großkotzige Betriebswirtschaftler diese Welt mehr und mehr zerstörten. Durch Businessprozesse, Verfahrensworkflows und Bullshitgequatsche.

Vom Sog der Euphorie eines Neuen Marktes und der dotcom-Blase wurde ich mitgerissen, um schon bald zu sehen, dass in meinem Umfeld vom Geist der Technik und der darin schlummernden Möglichkeiten nicht mehr viel blieb. Es ging nur noch um bare Münze. Das große Geld.
Das Schlüsselerlebnis, das mir endgültig den Spaß und die Motivation an diesem Job nahm hatte ich jedoch, als mich meine damals vierjährige Tochter fragte, was ich denn arbeite.
Mein Schwiegervater ist Schreiner. Er hobelt und es fallen Späne. Er sägt und es fällt Mehl. Er hämmert und bohrt und nutet und dübelt und leimt. Und es entsteht etwas Wunderbares daraus. Das versteht ein Kind.
Aber der Versuch einem Kind mit zarten vier Jahren zu erklären, was man als Softwareentwickler tut, ist aussichtslos. „Papa sitzt am Computer“. Das tun mittlerweile alle Büroarbeiter.
Ja, selbst Erwachsenen, die sich gar nicht oder nur oberflächlich als Nutzer mit Computern beschäftigen, ist es nicht zu erklären.

Ich bin nicht frustriert darüber, was ich einst begonnen habe. Ich machte es gerne. Es machte mir Spaß. Computer waren und sind mein Leben. Es macht mir auch heute noch Spaß, aber ich habe Identitätsprobleme. Mir und anderen gegenüber. Und in diesem Job ist es eine Quälerei. Morgens aufzustehen und angewidert Zeit und Nerven zu verschwenden, für eine Arbeit, die nur wenige verstehen, wovon nur wenige etwas mitbekommen und wovon nur sehr wenige etwas haben. Eine Arbeit, die keinen Stuhl, keinen Tisch, keinen Schrank, eben keinen Gegenstand herstellt, den viele Menschen täglich brauchen. Es entstehen Dinge, die nur ein paar wenige wollen, um damit noch mehr Geld zu verdienen.

Warum ich nicht damit aufhöre?
Das ist zu einfach gesagt. Die Alternativen werden immer weniger. Ich halte Augen und Ohren offen. Suche nach Möglichkeiten, Neigungen und Qualifikation zu verbinden, um einen anderen Beruf, eine neue Berufung zu finden. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Zu tief bin ich in dieser Spur, die ich mir teilweise selbst gefahren habe. Der Weg in völlig andere Richtungen ist schwer und unter vielen Gesichtspunkten nicht einfach zu stemmen. Teilweise sogar fast unmöglich. Und ein Karrieremensch bin ich auch nicht. Ich möchte kein Vorgesetzter sein oder Projektleiter oder Manager. Ich bin schon immer mehr der „Handwerker“, der Arbeiter. Damit fühle ich mich wohl.
Ja, es gibt unzählige Bereiche in der IT. Doch wenn man schon seit Jahren auf einem Gleis fährt, ist es selbst für einen Autodidakten wie mich verdammt schwer, mit der dokumentierbaren Qualifikation ein anderes Terrain zu befahren. In Deutschland schaut man eben nach wie vor lieber auf profanes bedrucktes Papier, als auf den Menschen und seine Potentiale. Man ist sonst ein zu hoher (finanzieller) Risikofaktor.
Manchmal bin ich mir wohl auch selbst im Weg. Aber es muss sich etwas ändern. Jetzt. Gestern schon. Es ist für mich nach zwölf.

Vielleicht ist diese schon sehr private Offenbarung an die Welt ein erster Schritt.
Es ist nicht auszuschließen, dass dies meine jetzigen oder gar zukünftigen Vorgesetzten lesen, aber dessen bin ich mir bewusst und sie werden es sowieso erfahren. Sehr bald.

Kommentare

  • Hallo Christian.

    Ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Ich hatte diese Sinnkrise damals, als ich aus der Gastro raus wollte. Ich hatte es satt, immer das gleiche Gemaule der Gäste – beschissene Arbeitszeiten, den Arsch aufreisen und jemand anders kassiert die dicke Kohle. Das alles wollte ich nicht mehr. Deswegen habe ich damals mein Hobby zum Beruf gemacht. Kreativ sein. Ich bin mit der heutigen Entwicklung auch nicht mehr ganz zufrieden. Aber es liegt an mir, das zu ändern.

    Genauso liegt es an Dir, etwas an Deinen Wegen zu ändern. Mach, wonach Dir ist. Es gibt noch Arbeitgeber in Deutschland, denen Papiere egal sind. Es gibt sie wirklich.

    Ich drück Dir die Daumen. Ich glaub an Dich!

  • Das klingt wirklich so als sei es Zeit etwas zu verändern. Schon in deinen Tweets der letzten Monate war eine Unzufriedenheit deutlich spürbar.
    Es gibt viele Berufe, die für Kinder schwierig erklärbar sind (ich werde bei meinem Beruf auch Probleme damit haben… „Mami redet mit Menschen und danach geht es ihnen besser“… Hhmmm) und ich liebe meinen Beruf (meistens) aber ich weiß was du meinst. Als man sich für den Beruf entschieden hat, war einem das nicht so klar. Man sieht kein richtiges Ergebnis. Man „erschafft“ oder „produziert“ nichts. Wobei der Dienstleistungssektor heutzutage ohnehin viel größer ist als der Handwerkssektor.
    Ich drücke Dir jedenfalls fest die Daumen und wünsche Dir, dass Du etwas findest, mit dem Du glücklich wirst.

  • Danke für die Zustimmung und das Verständnis.
    Ja, mir ist bewusst, dass ich es selbst in der Hand habe, etwas zu ändern. Diverse Faktoren machen es jedoch nicht einfach und die aktuelle Situation zieht an den letzten Energiereserven, sodass man einfach nur noch Ausruhen möchte und einem die „neuen Schritte“ schon zu viel sind.
    Doch der Schritt es einfach mal herauszuschreiben könnte schon ein Anfang sein, die „Last“ Stück für Stück abzuwerfen.
    Es ist sehr privat, aber mir steht danach es „herauszuschreien“. Vielleicht bringt es ja was. 😉

  • Lieber Christian, ich verstehe Dich sooo gut!