21. Türchen: Das verlorene Wissen

„Heute ist Heilig Abend.“, seufzte der alte Mann.
Ich schaute ihn verduzt an. „Heilig Abend ist am 24. Dezember.“, korrigierte ich ihn.
Mit einem Lächeln erwiderte er: „Nein, mein Junge. Für mich ist es heute. Denn heute ist Wintersonnenwende.“ Ich musste ziemlich große Augen gemacht haben, denn sein Lächeln wurde zu einem heiseren Lachen.
„Was ist denn eine Wintersonnenwende?“, fragte ich ihn.
„Es ist etwas, dass die Menschen früher, sehr viel früher als ein wichtiges Ereignis dieser Welt begriffen. Es markiert unseren Winteranfang. Aber es bedeutet auch, dass die Zeit der Dunkelheit überwunden ist. Dies zu wissen war für die Menschen einmal lebensnotwenig.
Für Dich ist dies womöglich eine unwesentliche Kleinigkeit, die jedoch sehr wahrscheinlich eines der unzähligen Dinge ist, die unsere Gesellschaft heute erst soweit gebracht hat.
Es sind nicht die großen Errungenschaften mit denen wir uns heutzutage gerne umgeben. Es sind profane Ereignisse und Tatsachen, die die Welt ausmachen.“ Sein Blick wurde traurig. „Ich sehe immer mehr Menschen, die kein Bewusstsein aufbringen für alles, was die Welt prägte und auch heute noch umgibt.
Interessiere Dich für das vermeintlich Unwesentliche und richte Deinen Blick häufiger darauf. Die Welt ist wunderbarer, als Du Dir vorstellen kannst. Aber nicht nur im Offensichtlichen, sondern vielmehr im Unscheinbaren. Nimm es nicht als selbstverständlich, dass wir da sind, wo wir sind. Lerne zu verstehen, warum es so ist. Lass Dich von dieser egomanen und hektischen Gesellschaft nicht mitreißen. Bleibe hin und wieder stehen und lerne wieder zu fragen, zu sehen und zu staunen.“
So ließ er mich stehen. Nachdenklich.

Heute weiß ich, was die Wintersonnenwende ist und ahne, was es den Menschen einmal bedeutet hatte. Für mich bedeutet es, sich zu erhellen, hinzuschauen und zu staunen. Und sei es noch so unwesentlich.

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